Klein Berliner Rotten...

Insbesondere in den Jahren in denen das historische Schützenfest stattfindet wird Hemeringen landauf und landab auch “Klein Berlin” genannt. Es gibt immer wieder Spekulationen wie dieser Name zustande gekommen ist. Der Autor versucht mit den folgenden 2 kleinen Geschichten Licht ins dunkel der Geschichte der Namengebung zu bringen.

Beide Geschichten sind frei erfunden und falls es eine Ähnlichkeit mit Personen gibt, ist diese nicht beabsichtigt.

Einem Berliner Gast, der um 1850 mit seiner Familie nach Hemeringen gekommen ist um die frische Luft, das gesunde Essen und die Natur im Weserbergland zu genießen, hat es hier angesichts der Freundlichkeit der Bewohner, der stattlichen Anzahl von Bauernhöfen und Mühlen, und nicht zuletzt wegen der Gasthöfe so gut gefallen, dass er Hemeringen kurzerhand in „Klein Berlin“ umbenannt hat.

Und so könnte es sich zugetragen haben.

„Klein Berliner Geschichten“

Teil 1

Dem Hutfabrikanten Bangemann aus Berlin Friedrichshain war es immer wieder ein Graus, zusammen mit seiner Familie die Verwandten seiner Frau im welfischen Hameln zu besuchen. Er haßte diese einmal im Jahr anstehende, beschwerliche Reise. Volle Abteile in der Eisenbahn, umsteigen in Magdeburg und Braunschweig und dann die schlechten Wege ab Hannover in der Postkutsche. Dazu die Aussicht auf die provinzielle Verwandtschaft, die als welfentreue Leute immer wieder mit ihm über die preußische Politik diskutieren wollten, ließen ihn alljährlich nach Ausreden suchen, um die Reise nach Hameln nicht mit antreten zu müssen.

Aber alle Ausreden nützten nichts. Seine Frau bestand darauf, dass er sie und die Kindern begleitete. Angesichts der Tatsache, dass sein Schwiegervater ihm vor 15 Jahren das Geld gegeben hatte um in Berlin eine Hutfabrik zu gründen, blieb ihm letztendlich nichts anderes übrig, als die jährliche Tortur über sich ergehen zu lassen.

Man war jetzt im Jahre 1854. Wirtschaftlich ging es bergauf, vor allem seit er den Titel „Königlicher Hutmacher“ verwenden durfte. Die Löhne für die Arbeiter und Frauen waren gering und der Titel „Königlicher Hutmacher“ tat ein Übriges, um seine Geschäfte voran zu bringen.

Nun aber saß er hier in Hameln und musste das übliche Gerede über Wirtschaft, Politik und Bürgertum im Königreich Hannover über sich ergehen lassen. Es gab aber einen Lichtblick. Für den kommenden Sonntag war ein Ausflug in das benachbarte Hemeringen geplant. Dort würde dem Vernehmen nach ein Fest stattfinden, welches die Niederlage der napoleonischen Truppen vor den Toren von Leipzig darstellen sollte. In Erwartung dieses Spektakels war er höchst gespannt, was ihn dort erwartete.

Bei schönem, warmem Wetter ging es am Sonntagmorgen mit der ganzen Familie per Kutsche über die Weser nach Westen. Die Straße war zwar grausig aber der Blick auf die Weser und das Wesergebirge mit dem Hohenstein entschädigte dafür, so durchgeschüttelt zu werden.

Als Hemeringen erreicht war und die Kutsche durch das Dorf fuhr sah er, dass der Ort reich an Mühlen war und etliche schöne große Bauernhöfe und zwei Schenken das Dorfbild dominierten. Auch einige große Bürgerhäuser waren bereits vorhanden. In diesen wohnten Kaufleute und Handwerker.

Anlässlich des Festes war der Ort mit Girlanden und Tannengrün geschmückt. Die Straße war mit Mergel aus den nahen Mergelkuhlen versehen worden und alles war sauber und ordentlich. Irgendwie erinnerte das Dorf den Hutfabrikanten an die schönen Ortschaften rund um seine Berliner Heimat.

Man ließ sich einen Platz zuweisen, von dem aus man das Geschehen aus der Kutsche heraus verfolgen konnte. Das Fest begann mit einem Umzug durch das Dorf. Er wurde angeführt vom Dorfgendarm. Ihm folgten einige Männer mit schwarzen Tschakkos, Bärten und Äxten. Offensichtlich sollten diese Männer französische Sappeure sein. Hinter der folgenden Musikkapelle befanden sich hoch zu Ross der Schützenkönig und sein Stab. Dahinter marschierte ein Trupp Männer mit weißen Hosen und weißen Mützen. Sie sollten wohl eine Bürgerwehr darstellen. Den Abschluss bildete ein großer Trupp grässlich anzusehender Männer mit schwarz-grünen Federhüten und langen Bärten. Ihre Kleidung unterschied sich kaum von Lumpen. Preußische oder königliche Truppen stellten sie gewiss nicht dar. Alle mit Ausnahme der Sappeure waren mit Musketen und Säbeln bewaffnet.

Es wurde Richtung Waldrand marschiert. Am Fuß des Hemeringer Berges entwickelte sich ein regelrechter Kampf zwischen den Parteien der damit endete, dass die Bürgerwehr die Oberhand behielt. Ein Haufen Reisig wurde entzündet, der die Feste Königstein verkörpern sollte. Anschließend marschierte dann der ganze Trupp versöhnt in die Gasthäuser.

Hungrig und durstig folgten der Hutfabrikant Bangemann und seine Familie der Truppe. Man beschloss, an einem der Gasthäuser auszuspannen um zu essen und zu trinken und mit den Einheimischen ein wenig zu plaudern. Es dauerte nicht lange bis die Hemeringer bemerkten, dass sie einen preußischen Gast in ihren Reihen hatten. Sie ließen es sich nicht nehmen, ihn und seine Familie zum Mitfeiern einzuladen. Die feinen Leute wollten ablehnen, doch der Hutfabrikant, glücklich den familiären Unannehmlichkeiten, wenn auch nur kurzfristig, entrinnen zu können, willigte sofort ein und man setzte sich zu dem Schützenkönig und seinem Gefolge.

Bei Vesper, Bier und Schnaps kam man sich schnell näher. Das Kampfgeschehen vom Nachmittag wurde lebhaft diskutiert und auch die Diskussion über die politischen Verhältnisse kam nicht zu kurz.

Bei Einbruch der Dämmerung versuchte seine Frau vergeblich, den bierseligen Hutfabrikanten zum Aufbruch zu bewegen. Ärgerlich ließ man anspannen und fuhr ohne ihn nach Hameln zurück. Immerhin sollte der Kutscher später zurückgeschickt werden, um ihn dann abzuholen.

Als am Abend die Kapelle zum Tanz aufspielte war der Gast aus Berlin immer noch in Hemeringen. Jetzt zeigte sich, dass er lebenslustig war und sich zu der Musik der Tanzkapelle zu bewegen wusste.

Als die Musiker am frühen am Morgen zu spielen aufhörten, wurde er von seinen Mitstreitern in die wartende Kutsche gesetzt. Dankbar für die wunderbare Feier verabschiedete er sich beim Schützenkönig Ludewig Stahlhut und den Hemeringern mit den Worten    „zum nächsten Schützenfest komme ich wieder. Es hat mir in Hemeringen so gut gefallen, dass ich fast meine ich bin    zu Hause. Dieses Dorf ist „Klein Berlin“.

Ob er Wort gehalten hat? Das nächste Schützenfest war erst 13 Jahre später, Anno 1867.

Wie es ihm nach seiner Rückkehr in Hameln erging, ist leider nicht überliefert.

  

Eine zweite Version der Namengebung wurde mir von einem Haverbecker übermittelt. Seinen Recherchen zur Folge waren die Hemeringer bereits vor der Annexion des Königreichs Hannover durch das Königreich Preußen im Jahre 1866, pro preußisch eingestellt. Die umliegenden Bergdörfer hatten wohl nicht den politischen Weitblick wie die Hemeringer oder lebten politisch „hinterm Berge“. Sie trauerten dem Königreich Hannover noch bis ins 20. Jahrhundert nach. Weil Hemeringen bereits so früh mit den Preußen sympathisierte nannten sie es spöttisch und boshaft „Klein Berlin“.

Und so könnte es sich zugetragen haben:

„Klein Berliner Geschichten“

Teil 2

„Klein Berliner Rotten, twüschen twee Hecken, twüschen twee Mueuern, deit de Preuße up dek luern“ riefen die Kinder aus den Bergdörfern rund um Hemeringen, wenn ein Hemeringer in ihr Dorf kam.

Obwohl seit der Annexion des Königreiches Hannover durch die Preußen in Folge des Deutschen Krieges von Anno 1866 etliche Jahre vergangen waren, trauerten die Einwohner der Bergdörfer immer noch den Welfen nach. Hier oben, abseits der großen Politik, war die absolutistische Herrschaft von Georg V. kaum zu spüren gewesen. Fast alle Einwohner der Bergdörfer waren Bauern und hatten ein gutes Auskommen unter der Herrschaft der Welfen was nicht zuletzt daran lag, dass ihr Tun kaum zu kontrollieren war. Gelegentliches Wildern, das Stehlen von Holz und der illegale Vieheintrieb in die Wälder der Forstgenossenschaft Lachem waren an der Tagesordnung und man verlor darüber keine Worte. So hatte man sich arrangiert und es ging allen leidlich gut, auch in schlechten Zeiten.

Jetzt aber, unter der preußischen Oberhoheit, war es anders. Kontrolleure erfassten nahezu jedes Stück Vieh und die Abgaben und Steuern mussten pünktlich entrichtet werden. In den Wäldern patroullierten Förster und auch Staatsbeamte kamen regelmäßig um die Bewirtschaftung der Forsten zu regeln. Mit dem ganz und gar ungezwungenem Leben war es vorbei, seit man nur noch die Provinz Hannover war. Man war nicht mehr unter sich.

Ganz anders war das in Hemeringen. Bereits vor 1866 waren sie dort pro preußisch eingestellt. Das lag vor Allem an einem Einwohner.

„Ich sage euch, preußisch müssen wir werden“ sagte Heinrich Bunge zu den drei Bauern mit denen er Anno 1865 in Hemeringen im Dorfkrug zusammen saß.

Bunge hatte einige Jahre im Königreich Preußen gelebt und dort als angesehener Lehrer bereits 40 Taler im Jahr verdient. Ganz anders war es im Königreich Hannover. Lehrer galten nicht viel. Ausgedienten, im Krieg verwundeten Soldaten im Unteroffiziersrang, wurden oftmals Lehrerposten angeboten. Sie bekamen ein Haus, in dem sich auch die Schule befand, etwas Land, um Gemüse anzubauen und einiges Vieh zu halten. Die Vergütung war sehr gering.

Bunge lebte als Lehrer nicht schlecht in Hemeringen. Die Schule befand sich auf der Kirchbreite, nahe der altehrwürdigen St.Petri Kirche. Zusätzlich zum Lehrereinkommen verdiente er sich etwas Geld mit der Hausschlachterei. Alles in Allem war er ein geachtetes Gemeindemitglied. Aber seine politische Gesinnung gefiel nicht jedem in Hemeringen. Trotzdem fanden seine Thesen auch bei den alteingesessenen und angesehenen Bürgern viel Gehör. Man spottete zwar gelegentlich über ihn, konnte sich aber angesichts der sich ändernden politischen Verhältnisse und der unbestreitbaren Erfolge der Preußen, seinen Argumenten nicht gänzlich verschließen.

So dauerte es nicht lange, bis eine nicht geringe Anzahl der Einwohner Hemeringens mit den Preußen sympathisierten.

Das kam natürlich auch den Einwohnern der Bergdörfer zu Ohren. Sie hatten Kontakte zu den Hemeringern durch Verwandtschaften, aber auch weil sie dort die Kirche besuchen mussten. Auch ihre Toten wurden in Hemeringen beerdigt, weil sich dort der einzige Friedhof des Kirchspiels befand. Oft musste dann in Hemeringen übernachtet werden, weil es wegen der schlechten Wege oder der Witterung nicht möglich war, an einem Tag den Hin- und Rückweg zu schaffen.

Es durfte also niemanden wundern, dass der Herkendorfer Heinrich Piepenbusch eines Tages von der politischen Einstellung der Hemeringer erfuhr. Er war bekannt als Schlitzohr das jeden Spaß mitmachte und gerne einmal andere ins Boxhorn jagte, aber auch als eingefleischter Welfenfreund.

Zum Erntedankfest am Michaelistag besuchte er nach dem Kirchgang seine in Hemeringen verheiratete Schwester. Diese hatte am Erntedanktag Geburtstag und dieser wurde mit einer stattlichen Anzahl von Gästen gefeiert. Man ließ sich nicht lumpen; es gab reichlich zu essen und zu trinken und Piepenbusch langte bei Allem kräftig zu.

Als die Feier sich dem Ende zuneigte, kam es dann wie es kommen musste – die Politik rückte bei den angetrunkenen Männern in den Mittelpunkt der Diskussionen. Jetzt prallten die Standpunkte der beiden Heinrichs, nämlich die des ebenfalls anwesenden Bunge und die Piepenbuschs mit voller Wucht aufeinander. Man warf sich die Argumente und Beleidigungen nur so um die Ohren. Welfenfreund, Vaterlandsverräter und dummer Preuße waren noch das Geringsten was man sich zu sagen hatte. Zu einer Einigung kam man jedenfalls nicht.

Irgendwann wurden die beiden Streithähne durch Piepenbuschs Schwester voneinander getrennt. „Schämt euch und vertragt euch“ sagte diese.

Daraufhin stand Heinrich Piepenbusch auf und rief laut zu den anderen Gästen hinüber „wenn ihr denn die Preußen so liebt in Hemeringen, dann nennt euer Dorf doch Klein Berlin“.

Lauthals lachend und singend verabschiedete er sich dann aus Hemeringen mit dem folgenden kleinem Lied:

„Klein Berliner Rotten                 „Klein Berliner Ratten

twüschen twee Latten                    zwischen zwei Latten

twüschen twee Mueuern                zwischen zwei Mauern

deit de Preuße up dek luern“         wartet ein Preuße auf dich“

 

Nach der Veröffentlichung meiner kleinen Geschichten wurde mir von älteren Hemeringer Einwohnern die erste Version als wahrscheinlich bestätigt. Tatsächlich waren im 19. Jahrhundert nachweislich und sogar namentlich bekannt, wiederholt Feriengäste aus Berlin in Hemeringen. Diese wohnten immer im Dorfkrug, heute Hemeringer Straße 54. Weil dieses sehr außergewöhnlich für die damalige Zeit war, gaben die Hemeringer voll Stolz ihrem Ort den Namen Klein Berlin. Dieser Name hat sich dann sehr schnell, auch in den umliegenden Ortschaften, als zweiter Ortsname für Hemeringen eingebürgert.

Ganz gleich, welche Version die richtige ist - die heute hier lebenden Hemeringer sind stolz auf ihr „Klein Berlin“. Der Name steht heute für Infrastruktur, Dorfgemeinschaft und Modernität. In „Klein Berlin“ findet man alles um hier gut leben zu können.

Jörg Künne                                                                                             Hemeringen ( Klein Berlin ) im August 2010

 

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